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Churchill und die gefälschte Statistik
Erstellt in (Allgemein) von SK on 23-03-2011
„Ich glaube keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe“ oder „Ich glaube nur der Statistik, die ich selbst gefälscht habe“ soll Sir Winston Churchill gesagt haben, so wird es ihm jedenfalls häufig zugesprochen.
Stammt das Zitat überhaupt von Churchill?
Der Frage ist Werner Barke, ein ehemaliger Referent im Statistischen Landesamt Baden-Württemberg, in einem Artikel zum Ursprung des Zitates in einem der statistischen Monatshefte Baden-Württembergs nachgegangen. Er kommt dort zu dem Fazit: «Nichts spricht für die Richtigkeit des „Zitats“ und alles spricht dagegen.» Eine Originalquelle für das Zitat ist nicht bekannt. Nachfragen beim Statistischem Amt von Großbritannien und bei The Times ergaben, ein solches Zitat Churchills sei dort unbekannt. Ganz im Gegenteil hat er als Premier Entscheidungen gerade aufgrund ihm vorgelegter Daten getroffen. Verbrieft sind auch seine parlamentarischen Vorkriegsreden, in denen er häufig Bezug auf Zahlen über die deutsche Aufrüstung und die seiner Meinung nach zu geringen britischen Anstrengungen im Verteidigungsbereich nimmt. Christoph Drösser von der Zeit berichtet in seiner Stimmt’s?-Kolumne über die Einführung einer statistischen Sektion in der Admiralität durch den englischen Lord. Churchill war der Wert von fremd erstelltem statistischem Material durchaus bewusst und hat es auch gezielt genutzt.
Als Premier ist Churchill auch nicht durch besondere Manipulationen aufgefallen. Im Zweiten Weltkrieg hat er die Veröffentlichung von Verlustmeldungen bei der Marine eingestellt, damit die Deutschen sie nicht mehr erhalten. Es wäre ein Leichtes gewesen, Daten zu fälschen und die Deutschen in die Irre zu leiten. Dann wäre aber auch die britische Bevölkerung getäuscht worden. Obwohl man wohl davon ausgehen kann, dass die Bevölkerung dies in einem Krieg toleriert hätte, bevorzugte Churchill solche Methoden nicht. Wenn er überhaupt bewusst täuschte, dürfte das Ausmass deutlich geringer ausgeprägt als bei den Russen und insbesondere den Deutschen gewesen sein. Zwar hatte er aber auch genügend Mißtrauen gegenüber deutschen Angaben, dies ergab sich aus dem Vergleich seiner eigenen mit den veröffentlichten deutschen Zahlen, aber selbst ein bewusstes Lügen würde auch nur einen Teil des Zitats erklären.
Die Nazis als Urheber des Zitats?
Barke führt am Ende seines Artikels eine neue These für die Entstehung des Zitates an. Propagandaminister Goebbels persönlich und sein Ministerium warfen Churchill immer wieder vor, mit falschen Zahlen gegen Nazi-Deutschland zu hetzen. Fundstellen finden sich als Beleg zuhauf. Barke zitiert beispielsweise aus der Parteizeitung der NSDAP, dem Völkischen Beobachter: „Zahlenakrobat Churchill“, „Churchill muss weiterlügen“ oder „Jede britische Bombe fünfzehnfach vergolten – Amtliche Zahlen widerlegen Illusionsschwindel“. Deshalb vermutet Barke das Propagandaminsterium des Ditten Reichs als Ursprungsort.
Churchill in Goebbels Tagebüchern
Die These von Barke erscheint insgesamt schlüssig. Sie bleibt auch plausibel, wenn man Goebbels persönliche Einschätzung von Churchill betrachtet. In seinen umfangreichen Tagebüchern schrieb der Propagandaminister häufig über den Briten; und selten Gutes.
Man kann sogar zu der Einschätzung kommen, Goebbels war regelrecht fixiert auf den Gedanken, Churchill betrüge und lüge. So schreibt Goebbels am 15.07.1941: “Man kann mit dem ganzen Lügengerede des englischen Premierministers kaum noch polemisieren. [...] Mr. Churchill gehört zu jenen dickfelligen Naturen, die glauben, dass eine Lüge, weil man sie ewig wiederholt, dadurch doch einen gewissen Grad von Wahrscheinlichkeit erhält.” Dieses Zitat ist nur ein Beispiel für viele Einträge, in denen er dem englischen Lord Lügen vorwirft. In Goebbels Sichtweise, die heute geradezu selbstverleugnerisch bizarr wirkt, waren die Engländer Lügner und Propagandisten und damit überhaupt erst der Grund, es ihnen selbst mit gleichen Mitteln heimzuzahlen. So heißt es im Eintrag vom 26.07.1941: “Ich muntere noch einmal all unsere Propaganda- und Nachrichtendienste auf, nicht nur in der Abwehr dieser psychologischen Großkampagne der Gegner unermüdlich zu bleiben, sondern auch zum Großangriff überzugehen. Wir arbeiten England jetzt gegenüber mit denselben Waffen, mit denen es uns gegenüber arbeitet.”
Das Zitat kann also durchaus dem Goebbels Ministerium entsprungen oder auf deren Agitation zurückzuführen sein. Diese Vermutung passt jedenfalls stimmig in Goebbels Strategie der Diskreditierung der englischen Führung. Die unwahrscheinlichste Entstehungsvariante erscheint mittlerweile jedoch zu sein, dass Churchill doch die richtige Quelle des Zitates ist.
